Reconnaissance::D::69117
(Beitrag zu „Eine Stadt schreibt über Heimat(en)“ von Molli Hiesinger und des Sonderforschungsbereiches 1671 der Universität)
Reconnaissance : : D : : 69117
„Whut!?“ fährt er hoch, aus den Augenwinkeln das hektische Fliehen dünner Beine.
„Harmlos“ stempelt sein Gefahrenzentrum, vermutlich hat es nur kontrolliert, ob er noch atmet oder auf dem Speiseplan sinnvoller wäre.
Mit einem gemurmelten „Sorry“ sinkt er zurück auf den Boden, um gleich wieder aufrecht zu sitzen, als ihm bewusst wird, dass es genau das ist: Boden. Kein Bett, keine Matratze. Nicht mal einer der besseren, Teppich belegten oder versiegelten, wenigstens sauberen. „Boden“ der sich diesen Namen nur dadurch verdient relativ eben zu sein.
Brocken des geborstenen Belags, die sich in sein Gesicht eingegraben hatten, fallen leise klickernd herunter. Er muss aussehen wie eine negative topografische Karte, er spürt deren Berge noch als leichten Druckschmerz.
Ein helles Rechteck aus Licht, das sich gerade so träge über seine putz-bedeckten Füße bewegt, wie seine schlafbenebelten Gedanken ihm folgen können, zeigt, dass draußen Tag ist, keine wichtigen Teile von ihm abhanden gekommen sind und er los muss.
Anzug überstreifen, Rucksack schultern und auf den knirschenden Weg ins Licht:
Er muss das düstere Hell nutzen, will er nicht mehr im Stadtgebiet sein, wenn die Nacht anbricht.
Der Anblick des Flusses erinnert ihn an den Auftrag.
„Sonderbar“ denkt er, während er die Böschung hinunter mehr rutscht als steigt um die Probe zu nehmen. Allerdings bleibt sein Unterbewusstsein die Erklärung schuldig, was genau es mit „sonderbar“ meint.
Zäh mäandert der Fluss um ihn herum während er das Teströhrchen ins Wasser hält.
Zäh schwappt er über die vorgelagerten Steine und läuft Sirupfäden ziehend ab.
Zu ZÄH!
Die Konsistenz ist falsch, zu dickflü…!?
Der Erkenntnis folgen ebenso zäh zwei tennisballgroße Blasen aus der Tiefe, als quöllen sie durch gallertige Masse. „Jessas!“ begreift er zurückzuckend, „Augen“! Ein vage fischähnlicher Körper, mit der Tendenz zum durchscheinend Madenhaften, folgt in Zeitlupe. Zähne ohne einheitliche Richtung schließen sich lustlos um das Röhrchen, das ins Wasser gefallen ist. Als das Ding buckelnd abtaucht durchbricht es die Oberfläche nicht, sie bildet vielmehr eine transparente Wölbung über ihm wie die Haut einer Qualle.
So viel zur Wasserqualität.
Dem Pfad folgend breitet sich das weltweit an Wände gehängte und Freunde auf Insta langweilende Panorama in der Version_2.0 vor ihm aus. Die Fläche in stylischem Mattschwarz, Erhebungen wie die uralten Bäume sind verschwunden, und in der Ferne hängt das Schloss vom verkohlten Berg wie ein von einem Säureanschlag entstelltes Gesicht.
Zwar haben sich die kollabierten Mauern von Friedrichsbau und Altan vom Berg ergossen wie geschmolzenes Wachs in den Kerzenständer der Altstadt, erhalten sich so aber, auf noch pittoreskerem Zerstörungslevel, immer noch ihre morbide Schönheit.
Ironisch, sieht eh‘ keiner.
Wie kam es DAZU!?
„Das Übliche“ dachten die Meisten angesichts Monaten der Medienschlachten und
marschierender PR-Abteilungen.
Dann wurden nicht nur die sozialen Medien hysterisch, sondern in eskalatorischer
Reihenfolge: die Nachrichten, die gesellschaftliche Öffentlichkeit und dann, nach der
Politik, endlich hierarchisch an der Spitze der Informations- und Machtkette, die ersten strategischen KI.
Hierauf wurde das Eskalationstempo so hoch, dass kein menschlicher Player mehr folgen konnte, die Folgen allerdings in bisher unbekannter Geschwindigkeit zu spüren bekam. Innerhalb von Sekunden war der Notstand, der Kriegs- bzw. Verteidigungsfall (je nach Nationalität) ausgerufen, der Aggressor (nach politischer Couleur) adressiert, bedroht, Drohungen erwidert, völkerrechtlichen Regularien Genüge getan, ein letztes Mal gewarnt und betont, nicht anders handeln zu können.
In der Welt organischen Lebens wurden allseits Grenzposten nebst Inhalt (technischem wie biologischem) in telegenen (Verteidigungs!)Feuerbällen vaporisiert, mit, von (allseits) bejubelten, Bomber- und Drohnenschwärme in fremde Lufträume eingedrungen (um die Lebensräume darunter von Ebenjenem zu reinigen), erleb- und sichtbare Architekturkritik an (jeweils) feindlichen Innenstädten geübt und, ohne entsprechende Anklage, dementiert, irgendwas von alledem als Erstes getan zu haben.
Die Analyse der kohlenstoff- wie silizium-basierten Experten bestätigte im Nachgang die Gründe Aller als ebenso zwingend wie die Reaktion als angemessen und verhältnismäßig, nur längst unter Ausschluss der Öffentlichkeit, da deren Aufmerksamkeit verblüffend zügig vom Wunsch nach schlichtem Überleben abgelenkt wurde.
Zu seiner Rechten liegt die Adenauer-Brücke.
Wörtlich.
Der stählerne Brückenkörper schimmert mannheimwärts im trüben Wasser. „Nicht gut“, muss er doch nach Drüben um die Einheit zu erreichen. Die Ebert-Brücke im fernen Grau bildet noch eine Linie über den Fluss. Vielversprechend. Allerdings muss er bis dort das, ihm noch als „Neckarwiese“ bekannte, schwarze Brachland überqueren.
Ohne Deckung.
Das Gras ist hart, fragil und zerfällt knisternd unter den Stiefeln. Erhebungen meidet er, weiß er doch nicht, was sich unter dem einheitlich-kristallinen Überzug befindet und möchte es eigentlich auch nicht herausfinden, die Formen lassen so schon wenig Interpretationsspielraum.
Wohl gesetzte Schritte.
Keine Hektik.
Nur solche Halbsätze.
NICHT hinsehen!
Hängen bleiben, abstützen, Kruste splittert, Knochen.
NICHT! HINSEHEN!
WEITER!
Noch wenige Meter.
Die linke Spur der Brücke ist wie durch ein Wunder noch durchgehend und bildet einen ins Wasser hängenden Übergang.
Den Fluß aufwärts liegt die alte Brücke, hingesunken, mit der ebenso schwarz verglasten Oberfläche der Rest-Altstadt zu einem wogenden Gesamtkunstwerk verschmolzen.
„Weitere Tests sinnlos“ keucht er ins Helmmikro, zwingt seine Atmung unter Kontrolle und beginnt, den Memo-Abschnitt #Heidelberg zu finalisieren:
HptFW Gross (Aufkl.) an Heimatstab
69117, Altstadt:
Erhaltenswert: —
Kontamination: ++
Bio-Degeneration: ++
Empfehlung:
Großflächige Kauterisierung, anschließend Terraforming
Schade!
…Rahmenhandlung, wird vervollständigt…
Ich danke Ihnen,
dass Sie mich in meinem Scriptorium besucht haben!